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Impuls zum 20. September 2026

Zum 25. Sonntag im Jahreskreis

Von Ferdinand Kerstiens (Marl), pax christi Münster

Die Tarifordnung des Himmelreiches
Evangelium nach Matthäus 20,1-16a:
„In jener Zeit erzählte Jesus seinen Jüngern folgendes Gleichnis: Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Gutsbesitzer, der früh am Morgen sein Haus verließ, um Arbeiter für seinen Weinberg anzuwerben. Er einigte sich mit den Arbeitern auf einen Denar für den Tag und schickte sie in seinen Weinberg. Um die dritte Stunde ging er wieder auf den Markt und sah andere dastehen, die keine Arbeit hatten. Er sagte zu ihnen: Geht auch ihr in meinen Weinberg! Ich werde euch geben, was recht ist. Und sie gingen. Um die sechste und um die neunte Stunde ging der Gutsherr wieder auf den Markt und machte es ebenso. Als er um die elfte Stunde noch einmal hinging, traf er wieder einige, die dort herumstanden. Er sagte zu ihnen: Was steht ihr hier den ganzen Tag untätig herum? Sie antworteten: Niemand hat uns angeworben. Da sagte er zu ihnen: Geht auch ihr in meinen Weinberg! Als es nun Abend geworden war, sagte der Besitzer des Weinbergs zu seinem Verwalter: Ruf die Arbeiter und zahl ihnen den Lohn aus, angefangen bei den letzten bis hin zu den ersten. Da kamen die Männer, die er um die elfte Stunde angeworben hatte, und jeder erhielt einen Denar. Als dann die ersten an der Reihe waren, glaubten sie, mehr zu bekommen. Aber auch sie erhielten nur einen Denar. Da begannen sie über den Gutsherrn zu murren und sagten: Diese letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, und du hast sie uns gleichgestellt; wir aber haben den ganzen Tag über die Last der Arbeit und die Hitze ertragen. Da erwiderte er einem von ihnen: Mein Freund, dir geschieht kein Unrecht. Hast du nicht einen Denar mit mir vereinbart? Nimm dein Geld und geh! Ich will dem letzten ebensoviel geben wie dir. Darf ich mit dem, was mir gehört, nicht tun, was ich will? Oder bist du neidisch, weil ich zu anderen gütig bin? So werden die Letzten die Ersten sein.“

Auslegung
Das Gleichnis passt nicht in unsere Tariflandschaft: Gleicher Lohn für gleiche Arbeit. Das ist zwar immer noch nicht erreicht. Immer noch werden hierzulande die Frauen schlechter bezahlt und haben schlechtere Aufstiegschancen. Immer noch werden weltweit die Arbeiter, die die gleiche Arbeit verrichten, völlig unterschiedlich bezahlt, je nachdem ob sie in Bangladesch, Sao Paulo oder im Ruhrgebiet arbeiten. Aber dennoch: Wir können den Ärger der Arbeiter gut verstehen, die den ganzen Tag gearbeitet haben und nun nur den gleichen Lohn bekommen wie diejenigen, die nur eine Stunde gearbeitet haben. Sie können sich zwar nicht beklagen, weil sie den vereinbarten Lohn bekommen haben, aber dennoch wurmt es sie. Doch die anderen waren nicht die Faulen. Es hat sie nur keiner angestellt. Ihre „Arbeit“, ihr Leiden ist die vergebliche Suche nach Arbeit, von der sie leben können.

Da wird es auf einmal ganz aktuell: Thema Arbeitslosigkeit. Die Weinbergsbesitzer von heute sind die Betriebe, die ihre Arbeiter heuern und feuern, wie es ihnen passt. Wenn mehr Arbeiter gefeuert werden, dann steigen die Gewinne und die Aktien. So erleben wir es gerade heute, auch besonders in Deutschland. Die Zukunft gehört den Marktfähigen, den Tüchtigen, den Schnellen, all denen, die sich durchsetzen können im gnadenlosen Kampf mit KI um Quoten, Macht und Geld. Aber wo bleiben die vielen Nichtmarktfähigen? Die Langsamen, Kranken, Armen, Schwachen, die weniger Leistungsfähigen, die vielleicht nur eine Stunde arbeiten können? Wo bleiben die, die arbeiten wollen, aber nicht mehr gebraucht werden, oder die Menschen mit Migrationshintergrund, die manche gar nicht mehr hier haben wollen?

Damit sind wir wieder beim heutigen Gleichnis. Wir verstehen den Weinbergsbesitzer besser, wenn wir wissen, dass ein Denar ungefähr der Betrag war, von dem eine durchschnittliche Familie einen Tag leben konnte. Der Weinbergbesitzer wollte, dass alle soviel bekommen, damit sie sich und ihre Familie ernähren, damit sie menschenwürdig leben können. Dürfen wir dieses Gleichnis fortschreiben: Nachdem der Gutsbesitzer allen den Denar ausgeteilt hatte, ging er in die Hütten, wo die lebten, die nicht mehr arbeiten konnten, die Alten und Kranken, die Amputierten und Dahinsiechenden, und sprach mit ihnen. Auch ihnen gab er das, was sie zum Leben brauchten. Diese Fortsetzung des Gleichnisses ließe sich durch das Leben und Handeln Jesu vielfach belegen. Es geht um die Würde der Menschen, jedes einzelnen Menschen, unabhängig von dem, was er leisten kann. 

Bild Gottes
Für Jesus ist der Weinbergsbesitzer ein Bild seines Vaters, ein Bild Gottes, der allen das geben will, was sie zum Leben brauchen, endgültig, so dass ihre Sehnsucht nach Leben, all ihr Hunger nach Liebe gestillt wird. „Mit dem Himmelreich ist es“ – das weitet den Blick auf das endgültige Leben, das jedem in gleicher Weise zuteilwerden soll, unabhängig von seinen Verdiensten, die er sammeln konnte. Das kann uns trösten und befreien. Zwischen Gott und den Menschen waltet im letzten nicht die ausrechenbare Gerechtigkeit, sondern die freie Gnade, Gottes unerhörte Liebe. Der Denar wird zum Bild des Vaters, der sich selbst schenkt, ganz und ungeteilt, als die Fülle des Lebens. Deswegen kann es auch nicht „mehr“ Lohn geben, etwa zwei oder drei Denare. Mehr als den Vater, der sich selber schenkt, gibt es nicht.

Vielleicht ist auch das für uns ärgerlich. Uns wird gesagt: Ihr seid nicht solche, die sich vor Gott auf einen Rechtsanspruch berufen können, den ihr aus eigener Kraft erworben hat. Gott gegenüber kann man nicht rechnen oder rechten. Das ist gesagt in Richtung auf die Frommen aller Religionen, die meinen, durch ihre Frömmigkeit, ihre Gebete und ihre guten Werke hätten sie Anspruch auf Gottes Gnade. Wenn wir so denken, gehören wir bald zu den Murrenden, die neidisch sind, dass auch die anderen das erhalten, was sie zum Leben brauchen, auch wenn sie weniger „geleistet“ haben. Sie hatten es „leichter“, sagen die Arbeiter der ersten Stunde zu denen der letzten Stunde. Wir dürfen nicht neidisch werden auf andere, denen sich Gott in gleicher Weise schenkt wie uns selbst.

Doch hören wir das als Frohe Botschaft: diese unerhörte und frei geschenkte Güte Gottes tröstet und ermutigt uns. 

Sie befreit uns von dem Druck und der Angst, wenn wir uns überfordert fühlen, wenn wir unsere Ohnmacht erkennen, so zu leben, wie wir das für richtig halten, wenn wir uns als die erkennen, die eigentlich nichts vorzuweisen haben an Lebensleistung, wenn wir Schiffbruch erleiden mit unseren Plänen, mit unseren guten Vorsätzen, mit unserer Liebe. Die Botschaft Jesu vom Reich Gottes, mit dem es ist wie mit der schenkenden Güte dieses Weinbergsbesitzers, macht uns frei von Druck und Angst, wir könnten vielleicht unser Leben verspielen. Wir sind die Beschenkten.

Unsere Sozialordnung
Doch noch einmal zurück zu unserer Sozialordnung. Die Verheißung Jesu für alle darf uns nicht davon abhalten, schon jetzt etwas von der schenkenden Güte deutlich zu machen, von seinem Willen, dass alle Menschen das haben, was sie zum Leben gebrauchen. Wir gehören heute zu den „Gutsbesitzern“. Was machen wir mit unserem Geld? In der christlichen Soziallehre heißt es schon seit langer Zeit: Es geht um den Vorrang der Arbeit vor dem Kapital. Doch das reicht noch nicht: Es geht auch um den Vorrang des Menschen vor der Arbeit. Wenn wir das nicht in unserem Handeln deutlich machen, ist ein solches Gleichnis nur eine billige Vertröstung für die Armen und Schwachen, die Ausgegrenzten und Verlorenen.
Wie steht es da z.B. um den Streit um Grundrente oder Bürgergeld, das jedem Menschen ein menschenwürdiges Leben ermöglicht, ob alt oder jung, ob arbeitslos oder krank, ehrenamtlich oder im Dienst der Familie und der Kindererziehung? Ist diese Grundrente nicht wie der eine Denar, den der Gutsbesitzer an alle austeilt? Können wir nicht mithelfen, dass jede und jeder das bekommt, was er zum Leben braucht, hier und weltweit? Der Unterschied schreit zum Himmel! Vielfach geht es nur um Waffen und Macht, um KI, Gas, Öl, Gold und andere Bodenschätze, nicht um die Menschen, nicht darum, die Erde als Lebensraum für Menschen und Natur zu erhalten. Viele Kreise und Gruppen an der Basis mühen sich darum, das zu ändern, andere Modelle des Miteinanders und Füreinanders auszuprobieren. Doch gerade da wollen die Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft kürzen, da wird der Missbrauch verortet, nicht bei den reichen „Gutsbesitzern“ unserer Tage, die nicht arbeiten, sondern nur von ihrem Vermögen leben. Es geht um die Gerechtigkeit unserer Ökonomie, um die Menschengerechtheit, die die Qualität unseres Gemeinwesens Welt bestimmt. Eine Gesellschaft ist nicht soviel wert, wie die Tüchtigen in ihr verdienen können, sondern wie die Bedürftigen in ihr leben können.

Das ist auch – allen Klagen der Wirtschaft zum Trotz – wirtschaftlich vernünftig. Wenn alle menschenwürdig leben können, dann können sie sich auch mit einbringen in das gesellschaftliche und wirtschaftliche Geschehen. Nur so kann der Aufbau einer Menschheitsfamilie gelingen, in der alle dauerhaft in Frieden und Gerechtigkeit leben können. Wenn wir uns dafür einsetzen, dann wird unsere Welt zum Vorschein des Himmelreiches. Dann können wir auch darauf hoffen, dass Gott uns und allen einmal den Denar schenkt, den wir zum Leben brauchen, sich selbst.

Gebet
Unbegreiflicher großzügiger Gott,
Wir sehen, wenn wir sehen wollen, hier und weltweit so viele Menschen, 
die verzweifelt sind und sich ohnmächtig fühlen,
die arm sind und sich dessen schämen,
die im Elend leben müssen und nicht hochkommen,
die süchtig sind und davon nicht loskommen,
die ungerecht behandelt und bezahlt werden.
Wir könnten diese Litanei noch lange fortsetzen.

Wir sehen, wenn wir sehen wollen, so viele Menschen, 
die es sich gut gehen lassen,
die sich um die Armut der anderen nicht scheren,
die auf Kosten der anderen leben,
die von der Ungerechtigkeit profitieren.
Wir könnten auch diese Litanei noch lange fortsetzen.

Wie bekommen wir diese beiden Welten wieder zusammen?
Du willst doch, dass alle Menschen menschenwürdig leben können,
unabhängig von ihrer Leistung.
Lass uns damit anfangen, dann werden wir ahnen,
was du allen Menschen in gleicher Weise schenken willst:
die Fülle des Lebens, dich selbst.